Liebe LeserInnen, die Wirtschaftsdialoge sind wieder da! Diese Ausgabe ist Kanada gewidmet. Nicht nur, weil ich Kanadier bin, und Kanada eines meiner Lieblingsthemen ist. Seit ich in Deutschland lebe, kommt es immer wieder zum gleichen Gespräch. Es fängt so an: Ach, Sie sind Kanadier, wie konnten sie ein so schönes Land verlassen! Ja, Kanada hat tatsächlich eine schöne Natur, freundliche Menschen und ist multikulturell. Deutschland aber auch. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen unseren beiden Ländern. Einige möchte ich hier beleuchten. Zum Beispiel die Auswirkungen der Globalisierung. Zwar ließ sie den Handel damit auch unsere Industrie in den letzten Jahren aufblühen, wird aber auch für viele Schwierigkeiten verantwortlich gemacht – in Deutschland und in Kanada. In diesem Heft erfahren sie, warum die Globalisierung in Kanada auch ein Kulturthema ist. Populismus und Vergangenheitsbewältigung sind auch Themen, die Deutschland und Kanada verbinden. Lesen Sie, wie die Kanadier versuchen, den Umgang mit den indigenen Völkern zu änderen. Kultur- und Identitätsfragen spielten auch bei den vergangenen Wahlen in Kanada eine große Rolle. Auch um die Weiterentwicklung des kanadischen Multikulturalismus geht es in dieser Ausgabe. Ich hoffe, Ihren Appetit für Kanada anregen zu können. Zwar ist Kanada weit von Deutschland entfernt, gleichzeitig sind weitere Informationen in unserer digitalen Welt nur ein paar Klicks entfernt. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre! Ihr Derek Tronsgard
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Dear Readers, Wirtschaftsdialoge is back!.This is exciting for a couple of reasons. Firstly economic issues are important. Economics and culture are intrinsically linked. Secondly this new edition is about Canada. Why is that exciting? Well, I’m Canadian and Canada is also one of my favourite things to talk about. Ever since moving to Germany, there is a conversation I frequently have. It goes along the lines of, oh, you're Canadian, how could you leave such a beautiful country? Well, yes, Canada has amazing nature. But as far as I'm concerned, so does Germany. In fact, there is a lot in common between the two countries and I’d like to explore some of those topics in this issue. Trade has been getting a bad rap in the press lately. Globalisation -- one of the driving forces behind the intercultural industry -- is being made responsible for a panoply of ills, including the rise of populism. Let’s explore together why culture and globalisation are important in Canada. There are brief info boxes on Canada’s history, the English and the French, and a discussion of the evolving multicultural reality in Canada today. My goal is here is to whet your appetite. In our online world, more information is only a few clicks away. I truly hope this issue of Wirtschaftsdialog inspires you to learn a little more about Canada. Yours sincerely, Derek Tronsgard
Wirtschaftsdialoge
Themenheft Kanada
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Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt, deshalb bestimmen die Entfernungen die Beziehungen innerhalb von Kanada. Die Luftlinie zwischen Britisch-Kolumbien und Neufundland misst 4.500 Kilometer. Wenn man ins Auto steigt und die Strecke fährt, kommen mehr als 6.800 Kilometer zusammen. Diese weiten Entfernungen, die geographischen Besonderheiten sowie seine Besiedlungsgeschichte machen aus Kanada ein Land mit großen regionalen Unterschieden. Kanada wird informell in fünf große Regionen unterteilt: Britisch-Kolumbien, die Prärie-Provinzen (Alberta, Saskatchewan, Manitoba), Zentral-Kanada (Ontario, Québec), die Atlantik-Provinzen (New Brunswick, Nova Scotia, Prince Edward Island, Newfoundland und Labrador) und der große Norden (Yukon, NWT, Nunavut). British Columbia Britisch-Kolumbien ist geprägt von der Natur, der Nähe zur Pazifik und den Bergen. Die Uhren ticken ein bisschen anders in Britisch-Kolumbien, sagt man oft. Die Nähe zu Asien ist spürbar. Die chinesische Gemeinde in Vancouver ist eine der größten in Nordamerika. Das aktuelle Geschehen in Hongkong hat für BC eine ganz andere Bedeutung als für den Rest der Welt: Es leben in Hongkong 300.000 Inhaber eines kanadischen Passes. Sehr viele davon haben Beziehungen zu Britisch-Kolumbien. BC ist Heimat der kanadischen Ökobewegung. Traditionell ist die Holzindustrie sehr stark. The Prairies Jenseits der Rockies liegen Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Allen drei gemeinsam sind große Steppen und der Kornanbau. In Alberta kommt die Ölwirtschaft und die Viehwirtschaft dazu. Saskatchewan hat die weltgrößten Kali- Vorkommen. Winnipeg, Manitoba gilt als wichtiger Handelsplatz für landwirtschaftliche Produkte aller Art. Central Canada Ontario und Québec zusammen beherbegen über 60% der kanadischen Bevölkerung. Traditionnel gilt Ontario als das industrielle Herzland von Kanada. Hier ist die kanadische
Autoindustrie zu Hause, die aus Ablegern der US-Autofirmen besteht, aber auch viel High Tech, mit globalen Namen wie Shopify und Research in Motion. Beide Provinzen haben eine starke Landwirtschaft, wo z.B. die Milchwirtschaft, eine große Rolle spielt. Ontario und Québec verbindet (bzw. spaltet) aber auch eine Rivalität, die auf die Eroberung Kanadas durch die Briten 1763 zurückgeht. Wenn man allerdings Sprache und Religion beiseite stellt, ist der Wohlstand in den beiden Provinzen vergleichbar. In den letzten Jahren hat Québecs Wirtschaft einen beachtlichen Wachstum erfahren. Sie gilt zurzeit -- zum Verdruß vieler in Ontario -- als wirtschaftliche Hotspot innerhalb Kanadas, angetrieben von High-Tech-Sektoren wie Cleantech, Gaming, und Aeronautik. Atlantic Canada In den Atlantikprovinzen war die Wirtschaft traditionell mit der Fischerei verbunden. Die nahezu vollständige Ausrottung vieler Fischbestände in den 80er Jahren hat hier zu einer wirtschaftlichen Krise geführt, die heute immer noch nicht überwunden ist. In New Brunswick sind mit Irving-Oil und McCains zwei Weltfirmen zu Hause. Ganz im Osten liegt Neufundland. Es ist auch die jüngste Provinz -- Neufundland ist erst 1949 durch eine recht knappe Volksabstimmung ein Teil Kanadas geworden. Hier sind Offshore-Öl, aber auch Wasserkraft große Wirtschaftstreiber. The North Die Nordlichter, Aussteiger, Gold- und Diamantminen, die Inuit, Polar-Bären und bittere Kälte. Wenig Leute, großer Mythos. Der große Norden ist immer mit Träumen verbunden.
Ein junges, vielfältiges Land
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Gemeinsam haben Kanada und Deutschland die überragende Stellung des Außenhandels für ihre Wirtschaft. Mehr als zwei Drittel von Kanadas Handel geht nach außen. Unter den G7 Ländern wird das nur von Deutschland übertroffen. Mittlerweile werden drei Viertel dieses Handels durch Freihandelsabkommen geregelt. In den letzten 35 Jahren hat Kanada nämlich dreizehn Abkommen abgeschlossen, unter anderem CETA, die Comprehensive Economic and Trade Agreement mit der EU. Das Land war aber nicht immer so eifrig dabei. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Sache 1982, als eine Regierungskommission die Öffnung der kanadischen Märkte empfahl. Damals sprach man sogar von einem Glaubenssprung. Einige Jahre später wurde die Empfehlung in Form eines Freihandelsvertrags mit den USA umgesetzt. Der Protest war lautstark: Man befürchtete den Ausverkauf Kanadas an die USA. Die Bundeswahlen im Jahre 1988 mutierten zu einer Volksabstimmung über das Abkommen. Die Konservativen, die sich für den Vertrag stark gemacht hatten, gewannen die Wahl und der Rest wurde Geschichte. Sechs Jahre später kam Mexiko hinzu und NAFTA war geboren. Am Ende zeigte es
sich, dass beide Verträge sehr positive Auswirkungen für die kanadische Wirtschaft hatten. Seitdem ist die Wichtigkeit vom geregelten Handel als Leitlinie gesetzt. Somit war die Stimmung im Land eine andere, als Donald Trump 25 Jahre später drohte, die NAFTA zu zerreißen. Statt Angst gab es großes Bemühen, den Vertrag zu retten. Nach zähen Verhandlungen ist nun aus NAFTA die USMCA geworden. Durch das Handelsministerium fördert die kanadische Regierung aktiv den Außenhandel. Lesen Sie auf den nächsten Seiten wie der Trade Commissioner Service und die Provinzdelegationen, hier anhand eines Beispiels mit Québec, den Handel zwischen Deutschland und Kanada fördern.
Geregelter Handel ist für Kanada wichtig
Innerkanadische Handelsbarrieren Der Erfolg mit dem Außenhandel spiegelt sich nur zum Teil wieder auf Kanadas Binnenmarkt. Schon mal von der CFTA gehört? Wahrscheinlich nicht. Von der Canadian Free Trade Agreement wissen die meisten Kanadier auch nicht viel. Die CFTA regelt den Freihandel innerhalb von Kanada und wurde erst 2017 abgeschlossen. Sie wird zwar gefeiert als ein Beispiel der überparteilichen Zusammenarbeit. Aber der 350-seitige Vertrag besteht ungefähr zur Hälfte aus Ausnahmen. Wozu das alles? Die Regulierung gewisser Güter fällt unter die Obhut der Provinzen, etwa der Spirituosen oder der natürlichen Ressourcen. Da die Provinzen hier unterschiedliche Regulierungen haben, werden innerkanadische Barrieren errichtet. Nach Schätzungen vom internationalen Währungsfonds verliert die kanadische Wirtschaft bis zu 130 Milliarden jedes Jahr durch innerkanadische Handelsbarrieren. Die in der Verfassung verankerte Personenfreizügigkeit hilft der Apothekerin wenig, wenn sie innerhalb von Kanada umzieht. Denn sie muss ihre Akkreditierung neu machen. Es gibt Bestrebungen, bis 2030 die Ausnahmen zu eliminieren. Da wird allerdings der Widerstand aus den Provinzen groß sein. Ironischerweise kam Sache erst auf Druck der Europäer während der CETA-Verhandlungen in Bewegung. Es gibt also Hoffnung, dass man irgendwann mal neben der CFTA keine weitere Abkommen brauchen wird, weder das über Handel, Investition und Personenfreizügigkeit zwischen Britisch-Kolumbien und Alberta, noch das über eine neue Partnerschaft für den Westen zwischen Britisch-Kolumbien, Alberta und Saskatchewan, auch keine Vereinbarung über eine Partnerschaft bei der Regulierung und der Wirtschaft zwischen New Brunswick und Nova Scotia, und auch kein Kooperationsvertrag über den Handel zwischen Quebec und Ontario.
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I would like to thank Mr. Andreas Weichert, Minister-Counsellor and Senior Trade Commissioner at the Embassy of Canada to Germany in Berlin for taking time to explain how Canada’s official policy of trade promotion helps stimulate cross-border communication. When Germans think of Canada, they most often think of nature and holidays, not business. Why is trade important? Trade is an easy way for people to set up long-term relations. If we look at the origins of the EU, it began as a trading bloc. When two countries do business together, they are creating lasting relationships. At a local level, when a factory is built, it creates jobs, brings people together and more important creates life-long ties. Benefits at the national and international level is even greater, creating global reach for companies of all sizes. It is why Canada makes trade a core policy and why we actively pursue negotiating trade agreements, as we did with the North American Free Trade Agreement (NAFTA), with the Comprehensive and Progressive Transpacific Partnership (CPTPP) and the Comprehensive Economic Trade Agreement between Canada and the European Union (CETA). How important is Germany - Canada trade? Germany is Canada’s sixth-largest merchandise trading partner, with two-way merchandise trade totalling $23.8 billion in 2018. Sectors of interest include aerospace, advanced manufacturing, automotive, life sciences, information and communications technologies, and agri-food.
Has CETA changed the way Canada and Germany trade with each other? Germany and Canada have long-standing relations so there is a lot to build on. I would highlight a few things. First, one phrase we hear often is simply “we like Canada. If you can’t trust Canada, who can you trust?”. In general, trust is high between Canada and Germany. The strong relationship is also based on the common values we share. CETA helps cements that trust. With Canada’s free trade agreement network covering the Americas, Europe and the Pacific, German businesses established in Canada have access to 2/3 of the world economy, almost entirely duty-free. Another thing CETA does is take away some of the uncertainty of cross-border trade. It enables people to act because they do not have to guess as much. By having a fixed set of rules set, you eliminate risk. You know that you when you ship something, the rules will be the same when it arrives at its destination as when it left the port. Unfortunately, that is not the case everywhere in the world. That stability is better for consumers and better for business. One matter that was contentious here in Europe was the investor dispute mechanism. Why is it important? Again, it comes down to greater certainty. By providing a mechanism for resolving problems, counterparties have a venue where they are both on equal standing for mediation and consulting. It can be a daunting task to understand and navigate the legal systems in other countries. It starts with the simple
Canada’s Trade Commissioner Service
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question of “which court”? A German court? A Canadian court? A provincial court in Canada? In the case of trade between Canada and Germany, this is perhaps less of an issue of trust in the legal system, but that may not be the case in all parts of the world. By establishing the inclusion of an investor dispute mechanism as a model for other free trade agreements, it makes it easy to say, that is just the way we do it. Most of our members are active in the service industry. What are the benefits to them? Services are also part of CETA, which facilitates both cross-border financial services and labour mobility. One of the key new benefits is access to the public procurement market. This allows European companies to bid at the provincial and federal level on Canadian public contracts and the other way around. How do you work with business service providers? Primarily through our reference service. If you think you have a useful service, let us know. We do vet services before referring Canadian businesses. Sometimes the Embassy itself may require some services to help with the organization of an event or with a specific business studies. We would also refer those service providers to Canadian contacts when their needs is beyond what the Trade Commissioner Service is offering. Tell me about the Trade Commissioner Service (TCS). The TCS has offices in over 160 cities worldwide as well as across Canada. Germany is one of the largest operations, in three offices. In 2019, we are celebrating 125 years of the TCS. The first trade commissioner opened our office in Australia in 1894. We often think of ourselves as a best kept secret. We are not frequently referred to by name. People just say the embassy helped me, or this government office helped me. We have noted that companies using the TCS generally export
more, in terms of values and markets. The TCS makes them save time and money in getting their export efforts off the ground. We offer four core services. One is helping companies prepare for international markets, i.e. how and where do I export? The second is market intelligence. By speaking to a trade commissioner, companies can find out about their market, for example Germany. The third is we can provide qualified contacts to get the business going. And lastly we provide problem-solving services. Additionally, the TCS helps foreign companies interested in investing in Canada (Investment Attraction) and contribute to the development of R&D partnership between research institutes, universities and companies (Science, Technology and Innovation) Are the services fee-based? There are no fees to Canadian companies for getting our services. What are the types of events you provide in Germany? We hold events at the embassy to support business. We are present at trade shows. The provinces often put together trade missions and we help organise the presence on this end, for example at Prowein (wine), Medica (medical devices) both in Düsseldorf or at GamesCom (gaming) in Cologne. And finally, our members are all strongly interested in intercultural differences. What is the one thing that still strikes you the most in terms of differences between the two countries? That is a tricky one. My family has German ties so I experienced both cultures from early on. Growing up in Canada, I got used to the little differences. Some things I have observed are that Germans like Canadian’s solving problem approach. Let us forget about trying to analyse why something happened, let us just get it fixed. Another difference is that I have seen Canadian business is willing to do a deal without meeting the other party first. Germans want to see the other party. I want to do business and I want to see people. Mr. Weichert, thank you very much for your time!
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Der Schnee im September hätte nicht unbedingt sein müssen
Familie Seelig aus Mannheim ist wegen Job nach Kanada gezogen. Nach wenigen Monaten in Toronto ging es nach Calgary. Da haben sie schon mehr Kanada hinter sich als viele Einheimische. Hier sprechen Sie kurz darüber, wie Sie Kanada bisher empfunden haben.
Sie sind nun etwas mehr ein halbes Jahr in Kanada. Was sind Ihre Eindrücke? Vorab muss ich sagen, es gibt schon viele Ähnlichkeiten zwischen dem Leben in Kanada und Deutschland. Was mich sehr positiv stimmt, ist dass ich die Leute nach sechs Monaten immer noch als sehr „nett“ empfinde. Man hört das als Klischee über die Kanadier, und man denkt, vielleicht verpufft das Gefühl nach einiger Zeit. Aber nein, die Leute sind im Allgemeinen einfach sehr respektvoll. Auch finde ich schön, wie schnell unser Kind die Sprache lernt. Mittlerweile korrigiert unsere Tochter uns. Hat sich Ihre Tochter gut in der Schule eingelebt? Das Schulsystem ist wirklich toll. Es hat sehr geholfen, wie dort mit den Kindern umgegangen wird. Man lernt hier auf eine andere Art. Mir gefällt es, dass die Schule von 9 Uhr bis 15 Uhr geht, und ein sehr inklusiver Ansatz verfolgt wird. Die erste Lehrerin in Toronto war besonders aktiv. Die Kinder haben viele Ausflüge gemacht, z.B. gab es ein Projekt zusammen mit einem Altersheim. Ich habe das Gefühl, mein Kind wird dort sehr gut betreut.
Wie war der Umzung nach Calgary? Wir sind nun seit zwei Monaten in Calgary. Das ist auch etwas Klischee, aber hier sind wir wirklich von der Natur fasziniert. Wir können die Berge aus dem Fenster sehen. Hier können wir wieder wandern. Das ist schön. Weniger schön war der frühe Schneefall. Ich war nicht auf Schnee in September gefasst. Was hat sie bisher am meisten überrascht? Wie teuer das Leben in Kanada ist. Im Vergleich zu Deutschland geben wir ein Mehrfaches für Lebensmittel aus. Eine gute Flasche Wein wird hier fast zum kleinen Luxus. Überraschend war auch die Tatsache, dass jede Provinz fast wie ein kleines Land ist. Als wir in Kanada angekommen sind, haben wir in Toronto, also in Ontario, gelebt. Ich wusste von anderen Auslandsaufenthalten, dass der Papierkram nicht zu unterschätzen ist. Und so war das auch. Aber als wir nach Alberta umgezogen sind, war ich nicht darauf vorbereitet, dass ich alles nochmal von vorne machen musste. Neuer Führerschein, neue Versicherungen. Als ob ich in einem anderen Land wäre.
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Was fehlt Ihnen am meisten? Meine Nachbarn, die nähere Umgebung. Mir fehlt auch die Nähe der anderen Länder in Europa. Aus Süddeutschland konnten wir übers Wochenende nach Italien oder Frankreich. Man kann das hier nicht machen. Man muss ins Flugzeug steigen. Es gibt keinen Zug. Aber das sind die First-World-Problems. Sie haben ein kurzes Vorbereitungstraining gemacht, bevor Sie nach Kanada gingen. Was haben hat sich daraus mitgenommen? Es waren vor allem Sachen, bei denen ich gedacht habe, ob es wohl tatsächlich so sein wird, wie wir uns das hier vorstellen? Sind die Kanadier etwa tatsächlich zurückhaltender als die Amerikaner? Man braucht in der Tat mehr Zeit, um an die Menschen heran zu kommen. Wir waren in Québec unterwegs und es stimmte auch, dass es Situationen gab, wo kaum Englisch gesprochen oder angeboten wurde, als wir außerhalb von Montreal unterwegs waren. Ich war angenehm überrascht, dass die Work Life
Balance in Kanada so sehr respektiert wird. Und ja, jetzt kann voll bestätigen, die Kanadier sind verrückt nach Hockey. Hätten Sie einen Ratschlag für andere Familien? Man soll auf keinen Fall unterschätzen, wie schwer es ist, Beziehungen mit der Heimat zu pflegen. Nicht nur wegen des Zeitunterschieds braucht es viel Zeit, um in Kontakt mit Freunden und den Eltern zu bleiben. Und wie oben erwähnt: Stellt Euch auf sehr viel Papierkram. Versicherungen, Health Care, usw. Es ist natürlich gut wenn man die Sprache gut spricht. Ist Ihnen etwas Lustiges passiert? Die Freunde haben geschmunzelt, als wir erzählt haben, dass wir uns einen Bear-Spray für unsere Wanderungen in den Bergen geholt haben. Aber das ist hier die Realität!
Im September 2019 wurde Calgary vom frühen Schnee überrascht. Da waren nicht nur die Seeligs etwas irritiert. Am Ende war der Monat der schneereichste September seit Wetteraufzeichnung.
Le Québec et la Bavière entretiennent une relation spéciale qui date de 30 ans maintenant. Le Québec a une Délégation générale à Munich et la Bavière un bureau à Montréal. J’ai parlé avec Mme Marie-Ève Jean, déléguée générale du Québec à Munich. Elle m’a expliqué quels sont les points forts des relations entre le Québec et la Bavière et l’Allemagne.
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Mme Jean, je tiens d’abord à vous remercier d’avoir accordé de votre temps pour cette entrevue avec SIETAR. Pour commen- cer, est-ce que vous pourriez nous donner un bref historique de la coopération Québec -- Bavière? Quelles sont les origines? Merci aussi pour votre intérêt dans notre travail. Comme c’est souvent le cas, la coopération a commencé avec des relations personnelles. C’est en 1984 que le ministre du Commerce extérieur de l’époque, M. Bernard Landry a rencontré pour la première fois le ministre-président de Bavière, M. Max Streibl. Ils ont tous les deux constaté des affinités entre leur État respectif. Le Québec et la Bavière sont deux régions fortes au sein d’une fédération notamment par leur culture distincte sur le plan de la langue mais aussi des coutumes. En plus, ce sont aussi des régions avec une tradition catholique. Le Québec et la Bavière ont vécu une transforma- tion remarquablement similaire au cours de ces 30 années. Au départ, les deux régions étaient très fortement axées sur l’agriculture. Toutefois, elles sont devenues des économies dotées d'un secteur de l'innovation et de la haute-technologie. Quels genres de projet de coopération existent? Depuis 30 ans, on a réalisé plus de 650 projets de coopération. Les points forts de la coopération visent beaucoup l’innovation et les technologies. Dans la coopération universitaire, on mise sur- tout sur la recherche dans le domaine médical ou encore sur les changements climatiques. Une place importante est également accordée à la mobilité des chercheurs et des jeunes. Par exemple, le Québec offre à cinq étudiants bavarois désirant faire leurs études universitaires au Québec, des exemptions de droit de scolarité supplémentaire. Si nous nous tournons vers l'échange commercial entre les deux régions, quels sont les secteurs les plus importants? L’Allemagne est le premier partenaire économique du Québec en Europe. En 2018, le commerce entre le Québec et l’Allemagne était de l’ordre de 6 milliards de $ CAN. Les secteurs de l’aéro-
Zwei besondere Kulturen verbinden sich
Die Provinz Québec und das Bundesland Bayern unterhalten seit nunmehr 30 Jahren eine besondere Beziehung. Québec hat eine Vertretung in München und Bayern ein Büro in Québec. Ich habe mit Madame Marie Eve Jean gesprochen, der Chefin der Vertretung von Québec in München. Sie hat mir die wichtigsten Errungenschaften der Beziehungen zwischen Deutschland und Québec erläutert. Madame Jean, ich danke Ihnen zunächst für Ihre Bereitschaft für dieses Interview mit SIETAR. Könnten Sie uns zu Beginn einen kurzen Überblick über die Kooperation zwischen Québec und Bayern geben? Was stand am Anfang? Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an unserer Arbeit. Wie so oft im Leben hat diese Zusammenarbeit dank persönlicher Beziehungen begonnen. 1984 hat der Minister für Außenhandel, Bernard Landry, den Ministerpräsident Max Streibl getroffen und die Anziehungskräfte zwischen den beiden Staaten festgestellt. Beides sind starke Regionen in einem föderalen Land, Regionen mit einer katholischen Tradition. Darüber hinaus kennzeichnet die Gesellschaft beider Regionen eine deutlich andere Tradition – sowohl, was die Sprache als auch was die Gewohnheiten angeht. Beide waren traditionell landwirtschaftlich orientiert und empfanden einen starken Wunsch nach Modernisierung und Industrialisierung. Das Interesse galt der Raumfahrt und der Automobilindustrie. Und nun feiern wir 2019 den 30. Geburtstag der Kooperation, also war dies ein Erfolg. Welche Kooperationsprojekte gibt es? Seit Beginn der Zusammenarbeit haben wir rund 650 Projekte verwirklicht. Die Schwerpunkte der Kooperation zielen vor allem auf die Innovation und die Technologie. Im Hochschulbereich liegt der Fokus im medizinischen Bereich oder auch Klimaforschung. Wir vergeben Stipendien in den Universitäten. Fünf pro Jahr werden vergeben, was für die deutschen Studenten bedeutet, dass sie die kanadischen Studiengebühren bezahlen müssen und nicht die für andere Studierende aus dem Ausland, die sehr viel höher sind. So wollen wir die Mobilität der Forscher unterstützen. Welches sind die wichtigsten Sektoren der Kooperation auf dem Feld des Handels? Deutschland ist der wichtigste Handelspartner von Québec in Europa. Es sind nicht Frankreich oder Großbritannien, wie man angesichts unserer historischen Bindungen glauben könnte. Der Handel zwischen Québec und Deutschland hat ein jährliches Volumen von 6 Milliarden kanadischen Dollar und nimmt weiter zu, was zeigt, dass wir tatsächlich einen beachtlichen Austausch haben.
Un lien entre deux cultures distinctives
Was sind die wichtigsten Produkte dieses Austausches? Aus Québec gehen viele Flugzeugteile und Motoren nach Deutschland. Umgekehrt kommen Automobile, Medikamente und pharmazeutische Produkte aus Deutschland nach Québec, also Hochtechnologie-Produkte. Aber es gibt auch andere Bereiche, so die Agro-Alimentär-Industrie, bei denen Deutschland auf dem 7. Rang bei den Exporten steht. Und das sind nicht nur traditionelle Produkte wie der Ahorn-Sirup, sondern auch Gin und Eiswein aus Äpfeln. Ist dabei der Einfluss der CETA-Vereinbarung sichtbar? Ja. Selbst wenn die Übereinkunft noch nicht offiziell in Kraft ist, sind schon 98 Prozent aller Zölle aufgehoben worden. In den vergangenen 18 Monaten ist der Austausch um vier Prozent gewachsen, was eine bedeutende Zunahme darstellt. Welche Bedeutung kann die Übereinkunft für die Dienstleistungen haben? Viele Mitglieder der SIETAR bieten Fortbildungen für die Personalführung an, um die interkulturellen Fähigkeiten zu stärken, sei es auf dem Feld der Teamarbeit, der Führungsebene oder der interkulturellen Kommunikation. Werden sie von der Übereinkunft profitieren? Ja, da sehe ich zwei Möglichkeiten. Zunächst öffnet die Übereinkunft die öffentlichen Ausschreibungen, also auch für Dienstleistungen, was die Ausschreibungen für Fortbildungen einschließen könnte. Der andere wichtige Punkt ist die wachsende Zahl von mittelständischen Firmen aus Québec, die sich in Bayern ansiedeln. Diese Unternehmen werden den Markt entwickeln müssen, um neue Kunden zu finden, was Möglichkeiten für Fortbildungen auf interkulturellem Feld für diese Neuankömmlinge in Deutschland bedeutet. Wie unterstützen Sie den Austausch zwischen den Unternehmen in den beiden Regionen? Wie Sie wissen, ist Deutschland das Land der großen Ausstellungen und Industriemessen, die es erlauben, Märkte vorzubereiten und über sie nachzudenken. Wir sehen immer mehr Firmen aus Québec, die an den großen Messen teilnehmen, sei es die BAUMA oder die ISPO zum Beispiel hier in München, wo es einfach ist, potentielle Partner und Kunden zu treffen. Wir beraten die Firma für ihre Teilnahme an solchen Ereignissen. Außerdem gibt es Reisen, die gemeinsam mit der bayerischen Vertretung in München organisiert werden. So fand eine große Reise von bayerischen Firmen zum Movin’On, dem globalen Gipfel für nachhaltige Mobilität in Montréal, statt. Können Sie mir die Dienstleistungen schildern, die Sie den Firmen anbieten? Wir helfen den Firmen bei der Planung für ihre Teilnahme an Messen hier in Deutschland. Vor allem aber wollen wir Dienstleistungen mit Mehrwert anbieten, zum Beispiel, wenn wir im Rahmen einer Messe Begegnungen mit großen deutschen Unternehmen oder ein Seminar organisieren oder Begegnungen mit potentiellen Partnern. Das Ziel der Firmen ist es, möglichst viele Kontakte während ihres Aufenthaltes hier zu knüpfen. Wir haben auch Reisen von deutschen Einkäufern nach Québec organisiert, zum Beispiel zur SIAL, einer
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nautique et des ressources naturelles apparaissent comme des sec- teurs plus dominant, mais si on se tourne vers les services, l’intelligence artificielle, le multimédia, l’analyse de données et la recherche sont aussi importants. Quels sont les principaux produits échangés? Du Québec vers l’Allemagne, une grande partie des exportations se trouve dans le domaine de l’aéronautique avec les pièces d’avions et les moteurs. Le Québec exporte aussi beaucoup de minerai, c’est très important. De l’autre côté, de l’Allemagne vers le Québec, ce sont les secteurs de l’automobile et pharmaceutique. Dans l’agroalimentaire, les Allemands sont grandement intéressés par d’autres produits agricoles comme le gin et le cidre de glace. Est-ce qu’on voit un impact de l’Accord économique et commercial global (AECG)? Oui. Même si l’Accord n’est pas encore offici- ellement entré en vigueur, déjà 98% des lignes tarifaires sont abolies. Dans les dix-huit derniers mois, on a vu une augmentation de 4% des échanges économiques entre nos deux régions. Quel impact est-ce que l’accord peut avoir pour les industries de services? Beaucoup de membres de SIETAR offre des formations dans le domaine des ressources humaines pour renforcer des compétences intercul- turelles, que ça soit au niveau du travail en équipe, de leadership ou la communication interculturelle. Est-ce qu’il y a des bénéfices pour eux dans l’accord? Oui, je vois deux angles. D’abord l’Accord ouvre les marchés publics; donc aussi pour les services et les contrats de services, ce qui pourrait inclure des appels d’offre pour des formations. L’autre angle intéressant que je vois aussi est relié au nombre croissant de PME québécois qui viennent s’installer en Bavière et en Allemagne. Les PME qui viennent s’installer ici vont devoir développer ce nouveau marché, trouver des nouveaux clients, et cela donne naissance à de nouvelles opportunités pour des formations et services interculturelles pour ces nouveaux- arrivés en Allemagne. Comment est-ce que la Délégation appuye les échanges entre les compagnies des deux régions? Eh bien, comme vous le savez, l’Allemagne c’est le pays des grands salons, des foires industrielles. Nous voyons de plus en plus de com- pagnies québécoises qui participent aux grandes foires, que ce soit le BAUMA ou ISPO par exemple, ici à Munich, ou Inno-Trans à Berlin dans le secteur ferroviaire. Il y a eu une importante présence et délégation d’entreprises du Québec à la foire Gamescom à Düsseldorf. Et une grande délégation de compagnies bavaroises se sont rendues à Montréal dans le cadre de Movin’On, le sommet global de la Mobilité Durable. Est-ce que vous pouvez me parler des services que vous offrez aux entreprises? Nous offrons des services aux groupes, par exemple pour des déléga- tions de compagnies qui viennent en Allemagne pour participer à un salon, on peut les assister avec la planification, mais surtout ce que nous essayons de faire c’est d’offrir des services à valeur ajoutée.
Agro-Alimentär-Ausstellung in Québec. Wir bitten auch Hilfe, die den individuellen Bedürfnissen der Firmen entspricht. Denn sobald ein Mittelständler Kontakte geknüpft hat, werden seine Wünsche sehr speziell. Warum entscheiden sich die Firmen für Deutschland? Angesichts der geopolitischen Lage stellen die Europäische Union und Deutschland sich als bevorzugte Märkte dar. In Québec sind wir der Überzeugung, dass es wichtig ist, unsere Exportmärkte zu diversifizieren. Mehr als 70 Prozent unserer Produkte gehen in die USA. Außerdem ist Deutschland ein sehr technischer Markt. In Québec und in Kanada arbeiten wir viel auf dem Feld der Hochtechnologie, der Videospiele und der künstlichen Intelligenz. In Deutschland werden diese Entwicklungen gesucht. Und natürlich macht man sich keine Sorgen um das intellektuelle Eigentum, wenn man nach Deutschland kommt, sondern vertraut den Menschen. Ich denke es gibt gegenseitigen Respekt. Wenn ich mit eine eher persönliche Frage erlauben darf: Die Mitglieder der SIETAR eint ihr Interesse am interkulturellen Austausch. Was war für Sie die markanteste Erfahrung, seit Sie in Deutschland sind? Mir ist eine Sache im Arbeitsleben aufgefallen: Ich bin eine Mutter, die berufstätig ist. Und ich habe stark von dem weit entwickelten System der Kinderbetreuung in Québec profitiert. Die Work-Life-Balance ist ein Québec einfacher. Aber ich habe den Eindruck, dass sich die Dinge verbessern. Ich war zum ersten Mal in Deutschland vor zehn Jahren, und ich sehe Fortschritte. Die andere Sache die mir auffällt: Die Deutschen halten mehr Distanz zwischen den persönlichen und dem beruflichen Leben. In Québec kommt man montags zur Arbeit und erzählt von den Blumen, die man am Wochenende gepflanzt hat. Hier hingegen – und ich habe sehr gute Beziehungen zu meinen deutschen Kollegen in der Vertretung – habe ich den Eindruck, dass man weniger aus dem persönlichen Leben erzählt. Zum Schluss: Was würden Sie den deutschen Firmen raten, die in Kanada ankommen? Eine große Frage... Ich würde ihnen sagen, dass es eine Tugend ist, die Schlüsselrolle der Provinzen innerhalb der kanadischen Föderation anzuerkennen. Man muss sich der großen Unterschiede zwischen den Regionen Kanadas bewusst sein: Vancouver, Montréal, Toronto, die Küstenregionen... Das Wissen um die verschiedenen Identitäten in den kanadischen Regionen. Voilà, das würde ich ihnen ans Herz legen. Ich danke Ihnen sehr herzlich für das Interview.
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Aussi, nous organisons à plusieurs occasions des voyages pour que des acheteurs allemands puissent se déplacer au Québec. Par exemple, on a facilité une visite de ce genre dans le domaine de l’agro-alimentaire autour du salon SIAL, qui est un salon agro-alimentaire au Québec. Le troisième genre de service est très individualisé. Une fois que nous ayons appuyé les PME dans leurs recherches de contacts, leurs besoins deviennent plus spécialisés. Pourquoi est-ce que vous pensez que les entreprises choisissent l’Allemagne? Dans le contexte géopolitique actuel, l’UE se présente vraiment comme un marché de choix. Au Québec, on a vraiment besoin de diversifier nos marchés d’exportation. Plus de 70% de nos produits vont vers les É-U. Il y a aussi que l’Allemagne, c’est un marché sophistiqué. Au Québec, comme d’ailleurs au Canada, on mise beaucoup sur les industries de haute-technologie, les jeux vidéo, l’intelligence artificielle. L’Allemagne est un marché qui recherche justement ces développements. Et évidem- ment, lorsqu’on vient en Allemagne, on ne craint pas les sujets comme la propriété intellectuelle, on fait confiance aux gens. Je crois qu’il y a un respect mutuel. C'était quoi, pour vous personnellement, votre expérience interculturel le plus marquant depuis que vous êtes arrivée en Allemagne? Je suis mère d’une fille et mon conjoint et moi travail- lons tous les deux à temps plein. Nous avons la chance au Québec d’avoir un système de garde très développé, et donc la conciliation travail- famille était plus facile au Québec. Ceci dit, j’ai aussi l’impression que ça s’améliore. J’étais ici en Allemagne la première fois il y a dix ans, et je vois une progression. L’autre chose qui est intéressant que je con- state, c’est que les Allemands gardent un petit plus de distance entre leur vie person- nelle et leur vie professionnelle. Au Québec, on arrive au travail lundi matin, et tout le monde raconte un peu ce qu’ils ont fait dur- ant la fin de semaine. Tandis qu’ici, c’est un peu moins le cas. Quoique j’aie des très bonnes relations avec mes collègues alle- mands au bureau, j’ai quand même l’impression qu’on laisse une plus grande distance. Et pour finir, est-ce que vous auriez des conseils à don- ner pour les compagnies allemandes qui arrivent au Canada? Je leur dirai qu’il est important de reconnaitre le rôle clé qui joue les provinces au sein de la fédération canadienne. Il faut être conscient des grandes différences entre les régions au Canada, Vancouver, Montréal, Toronto, les provinces maritimes, avoir une prise de conscience des différentes identités dans les régions au Canada. Voilà, c’est ce que je dirais. Mme Jean, je vous remercie énormément pour l’entrevue
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Der Titel eines berühmten Buchs aus 1945 fasste die damalige kanadische Realität gut zusammen: zwei Solitüden. Seit dem sind die gegenseitigen Einflüsse zwischen Québec und Englischkanada stark gewachsen, aber eins ist dasselbe geblieben: In Québec trifft man auf eine ganz andere Kultur. Hier spricht 80% der Bevölkerung Französisch. Außerhalb von Montréal, Québecs boomenden kosmopolitischen Metropole, steigt diese Zahl auf weit über 90%. Auf Landesebene ist es die einzige offizielle Sprache. Die Beziehung zur Sprache ist stark. Sie gilt als Garant für die eigene Kultur. Das kommt auch daher, dass es lange Zeit eine Diskriminierung des Französischen im öffentlichen Leben gab. Französisch war die Sprache der kleinen Leute und der Kirche. Das Geld sprach aber Englisch. In den 1960er Jahren durchlief Québec die sogenannte Stille Revolution, als der Mantel der katholischen Kirche abgeworfen und der nationale Stolz auf breiter Basis erweckt wurde. In dieser Zeit wuchs die moderne Separatistenbewegung, aus der die zwei gescheiterte Volksabstimmungen zur Unabhängigkeit 1980 und 1995 hervorgingen. Heute ist es viel ruhiger um das Thema Separatismus. Das öffentliche Leben spielt sich in Québec selbstverständlich auf Französisch ab. Die Geschichte, die Architektur, die kulturellen Institutionen sind anders, die Medienlandschaft auch. Und Québec ist nicht nur auf der kulturellen Bühne stark. Seit neustem führt Montréal wieder die Palmares der kanadischen Städte mit dem stärksten Wirtschaftswachstum. Und zwar stolz auf Französisch.
Une société distincte
Place Royale, die Wiege des französischen Nordamerikas genannt, in der Quebecker Altstadt. Viele Häuser stammen noch aus dem 18 Jahrhundert.
Porte St. Louis. Que- bec ist die einzige mit Mauern befestige Stadt in Nor- damerika. 1693 errichtet, wurde sie 1878 wieder aufge- baut.
Die Chateau Fron- tenac wurde 1893 als ein Hotel der Cana- dian Pacific Railway gebaut. Das Gebäude ist zum Wahrzeichnen von Québec geworden.
Oben Bonhomme Carnaval ist das Maskotchen des Quebecker Winterkarnevals, eines zehntägigen Winterfests im Februar.
Unten Blick von Mont-Royal auf Montréal mit vier Millionen Einwohnern. Es ist die zweitgrößte französischsprachige Stadt der Welt.
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Dass Kanada zwei offizielle Sprachen hat, wissen die meisten. Es gibt aber schon Missverständnisse über die Verbreitung der beiden Sprachen. Die Bevölkerung Kanadas war weitgehend französisch bis ins frühe 19 Jh. hinein. Unter französischer Herrschaft gab es zwei Hauptsiedlungsgebiete, Acadie ab 1605, in der heutigen Region von Nova Scotia, und ab 1608 in Quebec, entlang des St.- Lorenz-Stroms. Schon 1713 im Vertrag von Utrecht fiel Acadie an den Briten. Und am Ende des siebenjährigen Kriegs 1763 ging dann auch Neu-Frankreich mit dem Vertrag von Paris an den Briten über. Bis heute aber spricht man in Acadie und Québec Französisch. Das hängt auch damit zusammen, dass die neue britische Kolonialregierung 1774 der französischen Bevölkerung das Recht auf ihre eigene Sprache und Religion gewährte. Das war für die damalige Zeit echt vorbildlich. Später hat Kanada sich in der Frage deutlicher schwerer getan. Erst 200 Jahre danach, 1969, wurde Französisch mit dem Official Languages Act endgültig als Amtsprache festgelegt. Laut der letzten Volkszählung haben ungefähr 22% der Kanadier Französisch als Muttersprache. Außerhalb von Québec wird Französisch am meisten in der Acadie, im heutigen New-Brunswick (35% der Bevölkerung) und in Ontario (4% der Bevölkerung) gesprochen. Das bedeutet: Wenn Sie nicht in Québec oder Acadie unterwegs sind, können Sie davon ausgehen, dass man Englisch spricht.
Der Rocher Percé in Gaspé. Auf der Halbinsel Gaspé nahm Jacques Cartier das neue Land für den König von Frankreich in Anspruch.
Matane, eine kleine Stadt am unteren Lauf des St-Lorenz-Stroms, lebt vom Tourismus, der Forstindustrie, Holzbearbeitung und Fischerei.
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Du sprichst bestimmt Französisch!
Ist das “echtes” Französisch? Sag mal, wie ist das eigentlich mit dem Französischen in Kanada, das ist etwas altertümliches, oder? Die Frage höre ich immer wieder. Eine Sprache ist lebendig, deshalb gab es in den 400 Jahren seit der Kolonisation unterschiedliche Entwicklungen auf beiden Seiten der Atlantik, wie beim britischen und amerikanischen Englisch. Also wenn man sein Französisch in Europa gelernt hat, kann die Sprache, vor allem die Aussprache, in Québec am Anfang durchaus eine Herausforderung sein. Es sind in Québec auch in der Tat noch einige Sprachgewohnheiten vorhanden, die mit den Kolonisten des 17. Jahrhundert eingewandert und in Frankreich nicht mehr gebräuchlich sind. Viele Québecker stammen z.B. aus der Region Poitou. Wenn man auf das Poitevin, das regionale Dialekt von Poitou schaut, entdeckt man einige Gemeinsamkeiten. Das Poitevin ist aber, wie viele der regionalen Sprachen in Frankreich, so gut wie ausgestorben, also hat man keinen Vergleich auf dem alten Kontinent mehr. Eine bessere Erklärung für die Unterschiede ist im Dialektalen zu finden. Neben „Hochfranzösisch“ spricht man in Québec in der Tat recht häufig Dialekt. Deutschland kennt sich damit bestens aus. Ein Norddeutscher versteht in Bayern auf Anhieb ja auch nicht alles. Und auch in Québec muss man sich je nach Situation warm anziehen, bis man sich an die Aussprache gewöhnt hat. Aber bitte nicht wegen Altertümlichkeit!
Die Kathedrale St-Anne-de-Beaupré von 1929, Zeugnis der großen Bedeutung der katholischen Kirche in Québec und heute noch ein Pilgerort. Angeblich kann er Menschen mit Lähmungen heilen.
Der St-Lorenz-Strom, entlang dessen Ufer sich Quebec erstreckt, ist in seinem unteren Verlauf so breit, dass man die andere Flussseite nicht sieht.
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Canadian multiculturalism. Shared identity in a multinational, polyethic society.
From an interculturalist point of view, one of the most fascinating developments of globalisation has been the increasing diversity within society. More travel and better communication have literally brought people together. Dealing with this new or increased diversity, while still ensuring social cohesion, is one of society’s great modern challenges. Given its history, Canada has a unique perspective to offer on this subject. It is home to multiple founding nations, and its society is made up of people from multiple ethnic origins. How does Canada forge a shared identity within this cultural mosaic?
The question of identity looms large in Canadian political discourse. In fact, Canada’s identity issues make it onto the list of Canadian cultural standards in the well-known book series published by Alexander Thomas. Over the past 30 years, Canada has become much more self-confident in this regard as it forges its own narrative independent of its colonial past. As with so many political discussions in Canada, the discourse is different in anglophone and francophone Canada. While this exposé focuses primarily on the multiculturalism debate in English Canada, there are inextricable links to Canada’s other founding nations. Canada’s original “two founding nations” narrative comes under scrutiny In 1963, in response to the rising separatist feelings in Quebec, Lester Pearson, the Canadian Prime Minister of the time established the Bilingual and Bicultural Commission. Its charge was to examine the “bicultural” situation with the goal of developing greater equality. It was a seminal moment for Canada. As a result of the Commission’s recommendations, Canada would officially become a bilingual country. At the same time, a critical debate ensued about how to accommodate the history of the immigrants who had no links to Canada’s “bicultural” past. Indeed, the immigration experience and history of western Canada especially were very different from that of the more homogeneous French population in Quebec or the majority English, Irish and Scottish immigration
experienced in other parts of Canada. Out of this debate arose Canada’s first official multiculturalism policy in 1971. At that time Pierre Elliot Trudeau remarked in a speech to the Ukrainian Canadian Congress in Winnipeg: “There is no such thing as a model or ideal Canadian. What could be more absurd than the concept of an all Canadian boy or girl? A society which emphasizes uniformity is one which creates intolerance and hate.” Changing immigration patterns are a challenge in multicultural Canada, too Fifty years later, this discussion continues as Canada continues to adapt its multicultural narrative. It’s not simple nor is it always pretty. Recently it’s been particularly wrenching as a painful public discourse has occured to address past wrongs and to give Canada’s other minority nations, the indigenous peoples, their due place within the national narrative. As this happens, there are some “born-in-Canada” Canadians who are struggling to reconcile this more inclusive, more diverse narrative with the largely white, largely European Canada they grew up in. Given our social media age some of their openly racist reactions are very visible. That begs the question, is this an unavoidable human reaction? It’s not the first time that the demographical changes have led to exhibitions of racist and mistrustful reactions towards the immigrant population. To name a few: Chinese Canadians in the 19th
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century, Eastern European immigrants in the early 20th century, Japanese Canadians during the Second World War. Thankfully those exceptions are now looked upon as blemishes that should not be repeated. Officially Canada has made the respect of diversity a main pillar of its multicultural policy. Apologies have been issued to many immigrant groups and national minorities who were subjected to racist treatments in the past. Respect of diversity Will Kymlicka, a well-known Canadian political philosopher, has written extensively on just how important the concept of true respect for diversity is for Canada to make its multicultural reality work. He lays out a framework for creating shared identity within a multinational (English, French, Indigenous) and polyethnic (multiple origins) society. A key premise of his thoughts is that the traditional, patriotic, nation-state-based idea of national identity cannot work within the Canadian reality. For a society to create a truly inclusive identity, it must transcend the idea of a nation based upon a commonality of history, language and, to some extent, religion. Instead he cites features such as a feeling of solidarity with co-citizens, a willingness to listen to claims by others, respecting the rights of other and being willing to make sacrifices for them, feelings of democratic responsibility and feelings of trust in public institutions, and as he puts it, belonging to a community of fate. Immigrant nation Canada’s approach to its society offers a contrast to the current European discussion, which has declared multiculturalism for dead. One could claim this is simply realpolitik, and there is simply little appetite for a serious debate on reshaping European identities. But it is also true that a definition based on historical aspects is by nature exclusive of newcomers and does not reflect today’s diversity in European society. It may appease certain groups, but it’s not unitiing. Even with Canada’s multicultural reality, which is visible on pretty well any street in the country, it doesn’t mean the inclusive narrative is an easy sell. Nonetheless, Canadian society remains strongly positive towards immigration. Around 60% of the population say immigration is good for the country. In the last election, Maxime Bernier and his People’s Party of Canada was strongly rebuked and failed to gain votes on the back
of anti-immigration rhetoric. Even those with reservations about the levels of immigration do not rate it as a top political issue. Yes, Canada has an advantage in making multiculturalism work in that the country has always been an immigrant nation. People come to Canada to establish a new existence with the desire to become Canadian. Even more importantly, this is entirely possible in the Canadian reality. A newcomer can declare “I am Canadian.” and the statement rings true for all. Getting to that point has required a conscious effort. It is a crucial stage because it is a prerequisite to the second ingredient for a working multicultural society: social integration. Social integration In some national contexts, ‘economic migrants’ are seen as a threat to societal cohesion. They’re people who steal jobs from established citizens, who mooch off the social security system, or both.This narrative is in a minority position in Canada. How does Canada go about creating integration? There are several tools. The strength of the public school system in Canada is often cited as one reason for the success of the multicultural discourse. The cultural mosaic is recognised, accommodated and lived in the school system. This is also the first place that many newcomers to Canada first experience the diversity of their new country. Another important factor is the universalist understanding that many Canadians have of the social security system. This is particularly true of the health care system. Universality of access remains a sacred cow in Canadian health care policy. This has an impact on upwards social mobility for the second generation of newcomers. Studies have found that new Canadians are just as likely to improve their social standing as are Canadians born in Canada. This is a huge equalizing factor in the acceptance of the multicultural policy. Of course, it would be blue-eyed to say there is consensus around these points, and in any case, the true of impact public policy has on shaping public opinion is also a matter of debate. Some people claim that the government has little say in how its policies are interpreted. On the other hand, for that very reason, many claim that a solid institutional framework is instrumental in shaping the public discussion.
An Aside: Western Alienation Canada is a country of regions and each region has its story. For an understanding of current dynamics, there is one that should be mentioned: western alienation. Western Canada has long raged against the decision-makers “down east” who completely ignore their needs. In 2019 western alienation is on the rise again, driven by differences of opinions about how much support should be given to the oil and gas industry. It is pitting climate change arguments against a hugely important sector of the Canadian economy. Alberta is desperately seeking market access for its “land-locked” oil in the form of new pipelines. In a new twist to the current telling of this tale, British Columbia, another western province, is one of the pipeline opponents, alongside one of the story’s traditional bad guys, Québec. The last time western alienation raised its head, it literally ripped the Conservative forces in Canada asunder. A western protest party, the Reform Party of Canada, took over the western Conservative vote and held seats in parliament for over a decade. At the national level, the rifts were repaired in 2003 and Steven Harper emerged as a champion of Western interests. He became Prime Minister in 2006 with a newly formed Conservative Party of Canada, remaining in power until 2015. His policies of smaller government, more free market, and less international involvement reshaped Canada and the perception of Canada on the international stage. In Alberta, the epicentre of the alienation debate, the conservative rift was only healed in 2018. The creation of the new United Conservative Party under Jason Kenney, a key minister in Harper’s government, brought the Conservatives back to power after a four-year break. Kenney is now again attacking the decision-makers down east, especially Justin Trudeau, whose father, somwhat ironically, was the target of the Western attacks in the 1980s version of this story. History does like to repeat itself.
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Making the updated narrative work The path to making this narrative work has twists and turns. There are multiple layers involved, wires get crossed and divisions caused by economic and regional differences spill over into the debate. There are people who feel threatened by the new narrative, especially when it involves apologizing for past wrongs. You can’t change the past, forgive and forget, move on, they say. Others are more willing to deal with those parts of the past that are not reconciable with the country’s current self-image. Despite the messiness of the debate, the momentum is still on the side of those wanting to advance the celebration of diversity. For example, the Liberals continued to tell a largely inclusive story in the last election. And while the implementation has been flawed, several pundits claim this story was their saving grace, securing the crucial vote of many new Canadians. There is still work to do in terms of respect for diversity and social integration. Yet the majority of Canadians want this story to work. In the words of social and economic policy researchers Keith Banting & Thomas Courchene: “We build respect by respecting difference; we build tolerance by resisting discrimination; we build trust by being trustworthy; we build belonging by drawing people into the mainstream of civic and political life; we build solidarity by supporting all Canadians in need.”
Canada’s Immigration System Canada’s much discussed points-based immigration system has been in place since 1967. Under the Comprehensive Ranking System, the applications of people appling for permanent residency are ranked according to age, language proficiency, education and experience with Canada. It has been very successful, has been adopted by other countries, and it is credited with being one reason for the ongoingacceptance of high levels of immigration. Earlier this decade the system was adjusted to address concerns about subjectivity in the points system and overly long processing times. Under the new Express Entry programs, once an applicant meets a defined threshold, they receive an invitation to submit an application for permanent residency and the promise that it will be processed within six months. Invitations go out in rounds every few months. There are four main immigrant classes: economic, family, refugee and humanitarian. Quotas are set for each category. For example, the 2019 targets are 191,600 skilled workers, 88,500 family-class, 46,450 refugees and 3,500 humanitarian class. There is a variety of programs via which immigrants can submit their applications (skilled worker, provincial nominee, etc.). In addition, there are separate programs to manage temporary immigration needs, which includes categories like seasonal workers and international students. The Canadian government maintains extensive information online. To find out more, here is a good starting point: https://www.canada.ca/en/immigration-refugees-citizenship/services/immigrate-canada.html
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Vier Kriterien machen laut Uno indigene Völker aus: Historische Kontinuität über die Besiedlung oder Eroberung von außen hinaus, gesellschaftliche Randstellung und eine starke kulturelle Distanz zur dominanten Kultur sowie die Selbstidentifikation als Volk. Somit ist die Unterdrückung der Ureinwohner als Teil deren Identität anerkannt worden. Der Umgang Kanadas mit den Ureinwohnern ist auch kein rühmlicher. Drei indigene Völker sind offiziell anerkannt: die First Nations, früher „Indianer“ genannt. Weniger bekannt sind die Métis, die Nachkommen der ersten europäischen Pelzhändler und (hauptsächlich) First-Nations-
Frauen. Die kleinste Gruppe stellen die Inuit, die Bewohner des hohen Nordens. Der Indian Act bestimmte 1876 die dominanten Stellung der neuen Kolonialherren gegenüber den ersten Einwohnern Nordamerikas. Durch zwei Ministerien verwaltet die kanadische Regierung heute noch große Bereiche ihres Lebens. Viele leben immer noch in schwierigen Bedingungen auf Reservaten in unzugänglichen Regionen. Hygienische Verhältnisse dort sind teilweise beschämend. Es gibt immer wieder Probleme mit Suchtkrankheiten und hohe Selbstmordraten. Ein großes Trauma hinterließ das Programm der Residential Schools. Zwischen 1870 und 1996 wurden über 150.000 First-Nations-Kinder, zum Teil unter Zwang, aus ihren Familien entfernt und in Internaten untergebracht. Diese Schulen, oft von katholischen Orden geführt, unterdrückten jeden Ausdruck der First- Nations-Kultur, insbesondere die Sprache. Zudem gab es etliche Missbrauchsfälle. Vor zehn Jahren wurde mit dem Indian Residential Schools Settlement Agreement die größte Sammelklage der kanadischen Geschichte eingereicht. Diese Vereinbarung schrieb unter anderem die Einrichtung einer Truth and Reconciliation Commission (TRC) vor. Zwischen 2008 und 2015 tagte die Kommission, um die Geschichte der Residential Schools aufzuarbeiten und einen Versöhnungsprozess anzustoßen. Trotz aller Dokumentationen und Zeugenaussagen war der Aufschrei in Kanada immens, als die Kommission in ihrem Abschlussbericht im Kontext der Residential Schools vom Völkermord sprach. Dieser Versöhnungsprozess ist bei weitem nicht abgeschlossen. Im Abschlussbericht der TRC wurde eine Reihe von Aktionspunkten genannt, die zur Versöhnung beitragen sollte. Nur ein Bruchteil davon ist umgesetzt worden.
Innerkanadische Staatsverträge Die Beziehungen zwischen Kanada und seinen indigenen Völkern sind in Staatsverträgen geregelt. Es gibt die sogenannten historischen Verträge, die zwischen 1763 und 1925 abgeschlossen wurden, um vor allem die territoriale Integrität von Kanada zu sichern. Die unterschiedlichen Indianer-Stämme hatten damals große Landflächen an Kanada abgetreten. Als Gegenleistung erhielten sie sogenannte Reservate, in denen sie selbstbestimmt leben sollten. Diese Reservaten liegen allerdings meistens in sehr schwierigen Gegenden. Die Verträge deckten auch nicht alle Indianer-Stämme ab. Seit den 1990er Jahren bemüht sich die Regierung, Verträge mit allen anderen Stämmen abzuschließen, vor allem im Norden und in Britisch-Kolumbien. Dieser Prozess kommt aber nur schleppend voran und weckt Ängste in der kanadischen Bevölkerung, da man Kosten und Verlust von Souveränität befürchtet. Für weitere Lektüre: indigenous relations Canada, numbered treaties, Indian act, truth and reconciliation commission, sixties scoop, high arctic relocation, Nunangat, Louis Riel.
Bittere Wahrheit und schwierige Versöhnung
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Am 21. Oktober 2019 wurde in Kanada auf nationaler Ebene gewählt. Justin Trudeau konnte sich im Amt halten, allerdings nur mit einer Minderheitsregierung. Die vergangenen vier Jahre waren nicht einfach auch für die Liberalen um Trudeau. Seit 2015 wurde sieben Mal auf Provinzebene gewählt. In 5 der 7 Provinzen, die zusammen 75% der kanadischen Bevölkerung ausmachen, kamen konservative Parteien an die Macht. Mit seiner Wahl 2015 hat Justin Trudeau, der Sohn des langjährigen Premiers Pierre Trudeau, die kanadische Politik wieder auf der Weltbühne gestellt, auch wenn es dabei nicht unbedingt um politische Themen ging. Er versprach den Kanadiern „sonnige Wege“, Offenheit, Wandel und eine deutliche Abkehr von der konservativen Politik Stephen Harpers, dem immer wieder fehlende Transparenz vorgeworfen wurde. So ganz hat Trudeau sein Wort nicht gehalten. Schon am Anfang seines Mandats hat Trudeau sein Verspechen gebrochen, das Wahlrecht zu reformieren. Die Regierung wurde auch von einem weitreichenden Korruptionsskandal um die Baufirma SNC Lavalin eingeholt. Trudeau wurde vorgeworfen, den Ausgang einer laufenden Gerichtsverhandlung zu beeinflussen. Seine Justizministerin trat aus Protest zurück. Nun sitzt Jody Wilson-Raybould als unabhängige Abgeordnete im Parlament, als Mahnmal an Trudeaus ethisches Vergehen. Die Beziehungen zu China sind immer noch frostig, nachdem Kanada die Finanzchefin von Huawei auf Geheiß der USA während eines Aufenthaltes in Vancouver verhaftete. Trudeau wird auch vorgeworfen, die regionalen Spannungen zwischen Alberta und der nationalen Regierung auf einen Höhepunkt seit den 80er Jahren getrieben zu haben. Wie damals geht es auch heute um Öl. In einem Akt der Verzweifelung bzw. der Solidarität -- die Interpretation hängt vom Standpunkt des Betrachters ab -- hat Trudeau kurzerhand ein umstrittenes Pipelineprojekt nationalisiert. Das passte allerdings, egal welchen Standpunkt man einnimmt, mit seinen Versprechen, die Umwelt zu schützen, nicht gut zusammen. Die Debatte wird weiter von einem umstrittenen Gesetz in Quebec angeheizt, das das Tragen von religiösen Symbolen im öffentlichen Dienst verbietet. Dieses wird hauptsächlich als Angriff auf muslimische Frauen gesehen. Und zuletzt tauchten Fotos von Trudeau auf, die in als Black- und Brown-Face zeigen, verkleidet als Farbiger. Trudeau ist eigentlich nur wegen der Schwäche seiner Gegner wiedergewählt worden. Wie er mit den offenen Baustellen nun umgeht, bleibt spannend.
Das Leben ist teuer. Rettet die Umwelt. Bekannte Themen, nicht wahr?
Überblick der Parteienlandschaft Es gibt in Kanada fünf im Bundesparlament vertretene Parteien: die Konservativen, die Liberalen, die Neudemokraten, die Grünen und den Bloc Québécois. Nicht im Parlament vertreten, aber eine neue Präsenz auf Bundesebene seit vergangenem Jahr, ist die People’s Party of Canada. Die Konservativen sind die traditionelle Mitte-Rechts-Partei. Die Liberalen werden mitte-links angeordnet, die Neudemokraten gehören zum sozialdemokratischen Spektrum. Die Grünen haben – wie früher in Deutschland – vor allem die Umwelt im Blick. Die PPC steht weiter rechts und bläst populistische Töne. Sie wurde von Maxime Bernier gegründet, nachdem er die Wahl zum Vorsitz der konservativen Partei verloren hatte. In Quebec gibt es noch eine Separatisten-Partei, den Bloc Québécois. Als regionale Partei, die die Interessen Québec vertritt, wird sie auch von Nicht- Separatisten gewählt. Die Konservativen und die Liberalen sind die Urgesteine der kanadischen Politik. Beide Parteien können ihre Wurzeln bis zurück vor die Unabhängigkeit Kanadas 1867 verfolgen. Sie haben seit Anfang der Konföderation immer abwechselnd die Regierung gebildet. Die Präsenz der Grünen im Parlament ist relativ neu in Kanada. 2011 wurde ihre damalige Parteiführerin, Elizabeth May zum ersten Mal ins Parlament gewählt. Seit den letzten Wahlen haben die Grünen drei Sitze im Parlament, zwei davon auf Vancouver Island, einem Hotspot der kanadischen Öko-Bewegung
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Einige Eckdaten der kanadischen Geschichte 1497 John Cabot "entdeckt" Neufundland 1534 Jacques Cartier kommt in Gaspé an 1604 Erste ständige französische Präsenz in Port-Royal 1608 Stadt Québec gegründet 1663 Neu-Frankreich mit der Entstehung der Compagnie de la Nouvelle-France offiziell gegründet 1702-13 Im spanischen Erbfolgekrieg fallen die französischen Atlantikkolonien an Großbritannien 1756-63 Im siebenjährigen Krieg verlieren die Franzosen ihre restlichen Kolonien 1774 Quebec-Act sichert den Französischkanadiern ihre Sprache und Religion zu 1791 Upper Canada (heutige Ontario) and Lower Canada (heutige Quebec) angelegt 1848 Erste repräsentative Regierung in Nova Scotia gebildet 1858 Britisch-Kolumbien als britische Kolonie gegründet 1867 Kanada als unabhängige, selbstregierende "Dominion" von Großbritannien gegründet, erst mit den Provinzen Ontario, Quebec, Nova Scotia, New Brunswick 1868-70 Rupert’s Land Act. Die Nord-West-Territorien (NWT), die damals fast den gesamten kanadischen Westen und Norden umfasst, werden von Großbritannien an die neue Dominion abgetreten. 1869 Métis-Aufstand. Red-River-Rebellion (1. Riel-Rebellion) 1870-1905 In dieser Zeit schließen sich Manitoba und Britisch- Kolumbien Kanada an. Aus Gebieten der NWT entstehen das Yukon-Territorium, Alberta, und Saskatchewan. 1885 Métis-Aufstand. North-West-Rebellion (2. Riel-Rebellion) 1885 Die transkanadische Eisenbahn wird fertig gebaut, eine wichtige Bedingung für den Beitritt Britisch-Kolumbiens. 1931 Treaty of Westminister -- Kanada erhält von Großbritannien die volle gesetzgebende Hoheit, und das Recht seine eigene Außenpolitik zu bestimmen. 1949 Neufundland tritt Kanada als letzte Provinz bei 1965 Ahornblatt-Flagge wird eingeführt 1975 Kanada wird metrisch 1976 Die separatistische Parti Québécois kommt an die Macht in Québec 1980 Die erste Volksabstimmung zur Unabhängigkeit Québecs scheitert 1982 "Rückführung der Verfassung". Durch die Unterzeichnung der Canada- und Constitution-Acts werden die letzten Überbleibsel britische Hoheit über kanadische Gesetzgebung entfernt. Kanada erhält eine eigene Verfassung und Erklärung der Menschenrechte. Québec unterzeichnet allerdings die Verfassung nicht. 1995 Zweite Volksabstimmung zur Unabhängigkeit Québecs scheitert knapp. 1999 Nunavut wird als 3. Territorium angelegt 2017 Kanada feiert 150 Jahre
Inhaltsübersicht 2 Ein Land. Viele Regionen. 4 Geregelter Handel ist für Kanada wichtig 5 Interview with Andreas Weichert from the Canadian Trade Commissioner Service 7 Eine kanadische Entsendung: Familie Seelig berichtet. 9 Une société distincte 10 Interview with Marie-Eve Jean, der Quebec-Delegation in München 13 Französich in Kanada 14 Indigenous Peoples: Die “dritte” Gründernation. 15 Multikulturalismus 18 Politische Parteien
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